Schotter und Teer oder mit viel Grün und Blau? Qualitätsvolle Freiräume entstehen nur mit einer ganzheitlichen Planung. Was das heisst und welche Instrumente sich dafür eignen, wurde am Seminar von EspaceSuisse in Aarau in Referaten und auf einem Rundgang durch die Stadt diskutiert.
Das Landschaftskonzept Schweiz betrachtet die Siedlung als Teil der Landschaft. Städtische Landschaften sollen deshalb qualitätsorientiert verdichtet und Grünräume gesichert werden. Unserer Freiräume seien aber leider häufig Resträume, entstanden durch unvorteilhafte Platzierung von Gebäudevolumen und fehlender ganzheitlicher Planung, meinte Florian Inneman von EspaceSuisse. Qualitätsvolle Innenentwicklung bedeute aber nicht nur gut gestaltete und nutzbare Freiräume. Es schliesse vielfältige und ökologisch wertvolle Grünräume mit ein, denn der Klimawandel beschere uns immer mehr Hitzetage und Starkregen. Die Schweiz mit ihrer Armut an Biodiversität sei davon doppelt so stark betroffen als der globale Durchschnitt. Lösungen von der Landschaft her zu denken, weil bei der Landschaft eigentlich alles beginne, wäre für Inneman zielführend.
Landschaftskonzept Schweiz (LKS)
Landschaft umfasst den ganzen Raum. Sie ist Wohn-, Wirtschafts,- Erholungs- und Kulturraum zugleich. Sie schliesst Flüsse, Alpen, Bäume oder Gemüseplantagen ebenso mit ein wie Bahnlinien, Autobahnen oder Industriezonen. Landschaft sei nicht nur schön, weiss Daniel Arn, Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim BAFU. Sie sei vor allem nicht statisch, sondern verändere sich laufend. Vor diesem Hintergrund erschien 1997 erstmals das «Landschaftskonzept Schweiz» als Planungsinstrument des Bundes. Es zeigt auf, in welche Richtung sich die Landschaft in der Schweiz entwickeln soll und enthält behördenverbindliche Ziele, die auch durch die Gemeinden zu berücksichtigen sind. Man habe festgestellt, dass Gemeinden eine grosse Bedeutung in der Umsetzung qualitätsvoller Aussenräume hätten.
Das LKS formuliert 14 Landschaftsqualitäts-ziele bis ins Jahr 2040. Einerseits sind dies Allgemeine Landschaftsqualitätsziele wie das Ziel Nr. 2: Die Landschaft als Standortfaktor stärken. Anderseits werden Qualitätsziele für spezielle Landschaftstypen beschrieben, wie das Ziel Nr. 9: Periurbane Landschaften vor weiterer Zersiedelung schützen und Siedlungsränder gestalten.
«Gemeinden haben eine grosse Bedeutung in der Umsetzung qualitätsvoller Aussenräume»
Daniel Arn, BAFU Sektion Landschaftspolitik
Arn betont, dass hohe Landschaftsqaulitäten auch Basis sind für hohe Landschaftsleistungen in Bezug auf Gesundheitsförderung. Identifikation, gepaart mit Erholung, ästhetischen Genuss und Bewegung tragen zum Wohlergehen bei. Das BAFU biete für Gemeinden Landschaftsberatungen an (bis 2025 noch gratis) und unterstütze sie dabei das LKS zu berücksichtigen.
Aktionsplan Landschaft fürs Wallis
Damit wir in der Siedlung effektiv zu mehr Grün gelangen, muss das «Landschaftskonzept Schweiz» die Eigenheiten und Herausforderungen bis auf Ebene der Gemeinden aufgreifen. Das Wallis beschloss deshalb, für seinen Kanton einen Aktionsplan auszuarbeiten. Nur so liesse sich aufzeigen, wie das LKS auf kantonaler Ebene aussehe, meinte Chantal Vetter. Man müsse schliesslich wissen, wo Konflikte und wo Qualitäten bestünden, meinte die Raumplanerin bei der Dienststelle für Raumentwicklung des Kantons Wallis. Mit der Typologisierung wurde die ganze Vielfalt des Kantons kategorisiert und in einem Plan visualisiert. Für die verschiedenen Landschaftstypen wie alpine-touristische Siedlungslandschaft, Rebberglandschaft, Übergangs- und Transformationslandschaft oder Uferlandschaft Rhone/Genfersee wurden Visionen und Ziele formuliert wie das bestehende Landschaftsgerüst gefestigt, die Vielfalt gepflegt, die qualitätsvolle Entwicklung gefördert und das Gleichgewicht erhalten werden kann. Ebenfalls hat der Kanton konkrete Modellvorhaben mit innovativem Charakter definiert, wie in Zusammenarbeit mit Gemeinden spezifische Landschaftsprobleme gelöst werden könnten. Als Beispiel nannte Vetter die Gestaltung der Ränder beim Übergang vom Rebberg- zum Siedlungsgebiet in der Gemeinde Savièse. Der Aktionsplan des Kantons sei nur eines der Instrumente zur Integration der Natur in die Raumplanung. Daneben bedürfe es der Sensibilisierung der Bevölkerung mittels vieler Broschüren wie bspw. «Natur in Stadt und Dorf», einer professionellen Kommunikation und der Begleitung der Gemeinden bei (Pilot-) Projekten, um den Erfolg zu sichern.
Gegen unsere Bedürfnisse
Die Schweizer Bevölkerung wünsche sich für ihr Wohlbefinden mehr Wildnis, mehr naturbelassene Bereiche, mehr Begegnungsorte und mehr städtische Grünflächen, meinte Grudrun Hoppe, Landschaftsarchitektin vom Büro quadra aus Zürich. Die Realität zeichnet leider ein anderes Bild. Siedlungen wiesen bloss 6% Erholungs- und Grünanlagen auf, der grosse Brocken entfalle auf Industrie, Wohn- und Verkehrsflächen. Nach wie vor würden Altbäume einfach wegrasiert, statt sie in die Projekte zu integrieren. Freiräume würden mit minimalsten Aufbaustärken unterbaut, sodass hochwertige grüne Landschaften wegen fehlendem Untergrund gar nicht entstehen könnten. Hoppe bemerkte auch, dass die besten (Wohn-) Gebiete zur Verdichtung über die schönsten Grünräume verfügten. Seien diese nicht planerisch gesichert, drohten ihnen ein verheerendes Schicksal. Die Landschaftsarchitektin (Beizeichnung wegggelassen) hofft auf die SIA 2066, die Ende 2024 in Kraft treten soll. Diese achte auf Ortsbild- und Landschaftsqualitäten, auf Biodiversität und Siedlungsklima sowie auf Freiraumvernetzung und Bewegungs-freundlichkeit. Qualitätsvolle Umgebungen erhielten wir aber nur dann, wenn ein Konzept stehe, die Zeit nicht fehle, wir Unternehmen mit ausgebildeten Gärtnern beauftragten und uns der Dauerpflege verpflichteten.
Paradigmenwechsel beim Regenwasser
Regenwasser war früher Grund von Krankheiten. Deshalb wurde es entweder in die Kanalisation «entsorgt» oder ganze Auenlandschaften wurden zu begradigten Kanallandschaften. «Damit haben wir uns aber andere Probleme geschaffen», wusste Stefan Hasler, Direktor vom Verband Schweizerischer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute. So hat sich der natürliche Wasserhaushalt einer Wiese im Vergleich zur versiegelten Siedlung massiv beschleunigt. Der Rückhalt durch Verdunstung und Grundwasseranreicherung hat sich von 95% auf nur noch 45% reduziert und der Abfluss hat sich um Faktor 10 von 5% auf 55% erhöht! Gewässerbelastung und Überschwemmungen seien die Folgen. Deshalb müsse ein Paradigmenwechsel erfolgen. Wasser an der Oberfläche behalten, verdolte Bäche renaturieren, Quellen revitalisieren, entsiegeln und begrünen seien mögliche Instrumente hin zur Schwammstadt. Dabei liege das grösste Potential im Bestand.
(siehe auch Regenwasser im Klimawandel, dergartenbau 18/2023)
Rundgang in Aarau
Als der neue Bahnhofplatz mit seinen kargen Asphaltflächen und der frostigen Kunstwolke entstand, waren die Prioritäten anders gelagert. Heute erkenne man die Probleme, die eine rein funktionale Gestaltung mit sich bringe, wusste Anna Borer, Co-Leiterin Stadtentwicklung Aarau. Der Bahnhofplatz sei zu einem Drogenumschlagplatz geworden und das Sicherheitsgefühl auf einem Tiefstand angekommen. Mit einer besseren Komposition des Raumes, mit mehr Grün und einer behaglichen Atmosphäre liesse sich die angespannte Situation mit vielen Randständigen entschärfen, zeigte sie sich überzeugt.
Heute steuert die Stadt Aarau die Qualitäten ihrer Grün- und Freiräume mit fünf strategischen Instrumenten: das Freiraumkonzept, das Raumentwicklungs-leitbild, sowie die Strategien Klimaschutz, Klimaanpassung und Biodiversität. So unterliegt die zentralste Achse Aaraus, die Bahnhofstrasse (Kantonsstrasse!), zurzeit einer zweijährigen Testphase mit Tempo 30 und einer provisorischen Bepflanzung Das Sicherheitsempfinden, die Flüssigkeit des Verkehrs und somit die Pünktlichkeit des Busses haben sich seither signifikant verbessert. Nach der Testphase könnten sich die Verantwortlichen eine zweireihige Baumallee vorstellen.
Auch die städtische Intervention im «Graben» mit 70 zur Verfügung stehenden Stühlen komme gut an. Borer berichtete wie sich dadurch die Aufenthaltsqualität im Sommer im Schatten der schirmförmigen Platanen verbessert habe. Am «Spittelgarten» aber wollen die Stadtentwickler Aaraus mit einer entsprechenden Gestaltung und Nutzung die soziale Kontrolle erhöhen, um den Beschwerden der Anwohner über jugendliche Lärmbelastungen entgegen zu halten.