Das Dorf und sein ländlicher Raum sind der grosse blinde Fleck der Schweizer Landschaftsarchitektur – konservativ, ungeplant, langweilig. Aber, sind «Hinkelsteine» wirklich alles, was das Dorf zu bieten hat? Findet man innovative Projekte bloss im urbanen? Die diesjährige Rapperswiler Tagung begeisterte mit ländlichen Projekten voller kreativer Zauberkraft.
Das gallische Dorf aus Asterix und Obelix ist laut Christoph Küffer das kleinste Dorf der Literaturgeschichte. In seiner Eröffnungsrede erklärte der Professor für Siedlungsökologie an der Ostschweizer Fachhochschule OST (ILF), dass die Comicbände alle wesentlichen Merkmale des Dorflebens abbilden. Als Beispiel nannte er die frischen, lokalen Lebensmittel und verglich sie mit jenen vom Fischhändler Verleihnix. Die Dorffeste mit Troubadix als Barde entsprechen den Männerchören als kulturell tragendes Element des Dorfes. Während die Wildschweinjagd sinnbildlich für die ausgeprägte Naturnähe der Dörfler stehe, zeige der Widerstand der trotzigen Gallier gegen die Römer, dass der Stadt-Land-Graben kein modernes Phänomen sei. Das Thema Dorf sei laut Küffer auch deshalb hochaktuell, da mit der bevorstehenden Zuwanderungsinitiative «Keine 10-Mio-Schweiz» nicht nur eine Zahl zur Debatte stehe, sondern es im Kern die Frage nach der schweizerischen Identität aufwirft.
In den Augen von BSLA-Co-Präsident Tobias Würsch sind intensiv erlebte soziale Kontakte und Naturbezüge in einem Dorf greif- und spürbarer. Dies sei ausschlaggebend für den Zusammenhalt eines Ortes. Er sieht Innovation nicht nur als Neuentwicklung, sondern auch als Weiterentwicklung von Bestehendem.
Wenn der Dorfplatz stirbt und die Sehnsucht überlebt
Ab dem 20. Jhd. veränderte sich das Dorf. Die Menschen ziehen in die Stadt, wo Arbeit, Geld und Ausbildung locken. Statistiken der UNDESA zeigen, wie seit 1950 und bis weit in die 2050er Jahre die rurale Bevölkerung kontinuierlich abnimmt und weiter abnehmen wird. Aufgrund dessen werde viel über Städtebau diskutiert und studiert, die «Dorfentwicklung» bleibe aber aussen vor, beklagte sich Maarit Ströbele, Redaktorin beim Hochparterre und Anthos. Denn trotz aller Landflucht, bleibe die Landlust. Die Sehnsucht nach dörflichem Idyll sei in der Schweiz stark, wie aus den steigenden Verkaufszahlen der Landmagazine hervorgeht. Der Traum vom Leben im Grünen bleibt ein ungebrochener Wunsch, wusste Ströbele. So wurde die traurige Geschichte der Schweizer Dorfplätze geschrieben: Einst lebendige Begegnungsorte verwandelten sich in undefinierte Räume und verloren ihre Seele an einen rücksichtslosen Bauboom inmitten von Verkehrskreiseln und Schlafsiedlungen.
Das Dorf zwischen Dichtkunst und Wanderlust
Während sich die Schriftstellerin Julia Weber mit einer Lesung poetisch an das Wort Dorf herantastete, berichtete Dominik Siegrist, emeritierter Professor an der OST und heutiger Klima- und Alpenwanderer über seinen Landschaftsspaziergang durch die Ostschweiz. Strammen Schrittes wanderte er von Dorf zu Dorf und sammelte Eindrücke wie Perlen, die er zu einer Perlenkette zusammensetzte und diese in seinem Referat dem Publikum als schöne Landschaft der ländlichen Schweiz mit ausdrucksstarken Bildern vorstellte.
Ein Dorf braut sich den Zaubertrank
Viele ländliche Gemeinden in wirtschaftlich schwachen Regionen leiden unter dem Strukturwandel: Jugend und Fachkräfte wandern ab. Tragende Strukturen zerfallen und Geschäfte wie auch Gastronomie gehen ein. Wenige Ressourcen und kaum attraktiver Wohnraum, ein problematischer Mietermix und ein hoher Anteil an migrantischer Bevölkerung verschärfen die Situation weiter. Vor diesen Herausforderungen stand auch Lichtensteig, ein kleines Dorf im Toggenburg mit rund 2150 Einwohnern. Im Jahr 2012 liess es eine Standortanalyse durchführen und startete anschliessend einen Prozess, um die Abwärtsspirale zu stoppen. Wie Sabina Ruff, Inhaberin und Geschäftsleiterin des Laboratoriums für Zukunftsgestaltung wusste, kamen an den folgenden Anlässen regelmässig rund 150 Personen zusammen, um an Ideen für die Zukunft zu arbeiten. Daraus entstanden lebendige und engagierte Projekte, die heute blühen und wirken. Aus einem kargen Hang entstand ein einladender Rebberg, ein Mini-Bierladen wurde eröffnet, ein Familien-Zentrum gegründet, mit dem „Flöötzli bekam die Jugend einen Naturort an der Thur und auf Restflächen wurde Gemüse angebaut, freute sich Ruff. Neben diesen beabsichtigten Massnahmen resultierten auch nicht intendierte Wirkungen. So gewann Lichtensteig den Wakkerpreis, den Europäischen Dorferneuerungspreis, den Binding Innovationspreis für Biodiversität und das Grünstadt-Label. Auf der ökonomischen Seite nahm die Wohnbevölkerung um 11% zu, die Leerstandsquote sank von 4.3% auf 0.80% und die Verschschuldungsquote verbesserte sich von 96% auf 65%. Einen solchen Wandel könne eine Gemeinde nicht mehr alleine bewältigen. Dafür brauche es interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und der Kultur. Dabei müsse sich die Verwaltung von der rein verwaltenden zu einer gestaltenden Haltung entwickeln, einen guten Lead und viel Kontinuität an den Tag legen, erklärte die Sozialwissenschaftlerin.
«Ci vediamo in piazza!»
Cassiano Luminati, Direktor Polo Poschiavo
Stalden findet seinen Dorfplatz
Stalden, im Vispertal gelegen, ist ein Haufendorf. Historisch gewachsen, mit unregelmässiger, dichter Anordnung der Gebäude, verwinkeltem Strassennetz und einer markanten Kirchgasse. Vor dem Hintergrund eines wachsenden Bewusstseins ländlicher Gemeinden für den Wert ihrer öffentlichen Räume schrieben die Behörden im Winter 2019/2020 einen Wettbewerb aus. Das Dorf wollte wieder einen Treffpunkt, einen Ort zum Feiern - seinen Dorfplatz. Benjamin Wellig, Partner bei extra Landschaftsarchitekten AG, erklärte, wie sie sich dafür entschieden, ein bestehendes Gebäude abzureissen, um sowohl die Nutzungsvielfalt wie auch die Aufenthaltsqualität zu steigern. Der neue Dorfplatz wurde sorgfältig in das bestehende Gefüge eingebettet und gibt wieder die Sicht auf die typischen Walliser Dächer frei. Ebenfalls setzten sich die Planenden mit der lokalen Baukultur auseinander. Der Brunnen wurde von einem Künstler des Ortes entworfen, Betonelemente wurden bestockt, doch vorwiegend wurde lokaler Naturstein eingesetzt. Auf den Pergolen wachsen Reben, der Wein ist süffig… die Herzen der Staldener haben ihren festen (Dorf-)Platz gefunden!
Landschaftsarchitektur am Dorfrand
«Eriwis» klingt nach weit mehr als bloss ein Flurname. Tatsächlich verbirgt sich dahinter ein wahres Arkadien. 2006 entdeckten Victor Condrau und Elisabeth Dürig ausserhalb von Schinznach-Dorf eine durch Tonabbau zerstörte und ausgebeutete Landschaft. Sie erkannten das ökologische Potential und gründeten den breit abgestützten Verein «Naturwerkstatt Eriwis». Später erwarben sie das 13.5 Hektar grosse Gebiet zusammen mit BirdLife Aargau und verwandelten es in ein wahres Naturparadies, ausgezeichnet mit dem höchstdotierten Umweltschutzpreis der Binding-Stiftung.
Spezialisiert auf die Entwicklung grossräumiger Landschaftsqualitätsprojekte ausserhalb des Siedlungsgebietes wusste Condrau, dass reine Naturschutzprojekte einen schweren Stand haben. Durch beharrliches Handeln und die Kombination verschiedener Themen wie Landschaftsästhetik, Gesundheitsförderung, Kulturhistorik, Biodiversität und Umweltbildung konnten verschiedene Partner gefunden werden, die das Projekt ermöglichten. Heute ist «Eriwis» ein einzigartiges Naherholungsgebiet mit einer mosaikartigen Landschaft aus Teichen, Sukzessionsflächen, Arzneipflanzgarten, Barfusspfad, einer Vielzahl an Wildbienen, Libellen und Wasser-Primeln - ein Juwel am Dorfrand!