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Kraftort Kartause Ittingen

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Die Kartause Ittingen zählt zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern der Bodenseeregion. Sie bezaubert nicht nur mit traumhaften Gärten und einem grossen Landwirtschaftsbetrieb, sondern strahlt als Zentrum für Spiritualität und Bildung sowie mit Museen, Gasthäusern und Konzertveranstaltungen weit über ihre Region hinaus.

Die Kartause Ittingen zählt zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern der Bodenseeregion. Sie bezaubert nicht nur mit traumhaften Gärten und einem grossen Landwirtschaftsbetrieb, sondern strahlt als Zentrum für Spiritualität und Bildung sowie mit Museen, Gasthäusern und Konzertveranstaltungen weit über ihre Region hinaus.

Zweifelsohne hatten die Ordensbrüder seit jeher ein Flair für idyllische Orte. Die Ausstrahlung der Landschaft spielte offenbar eine überragende Rolle, um den Glaubenssatz «ora, labora et lege» (bete, arbeite und lese) innig zu leben. Auch für die ehemalige Klosteranlage Ittingen scheint das «schöne Fleckchen Erde» bewusst auserwählt. Sie liegt eingebettet in malerischer Flusslandschaft zwischen Frauenfeld und Bodensee. Leicht erhöht auf einer Moränenterrasse schweift der Blick in die hügelige und bewaldete Weite – silberne Weiden lassen die Ufer der Thur erahnen.

Rund 700 Jahre lang beherbergte das Kloster Mönche zweier Ordensrichtungen. Heute ist die Karthause Ittingen als Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung eine Stiftung. Unter dem Leitbild «Erhalten und Beleben» fördert sie nicht nur Kultur in vielfältigster Weise, sondern unterstützt auch Menschen mit einer Beeinträchtigung und bietet ihnen ein Zuhause.

«Das Erhalten gewinnt durch das Beleben Sinn.»

Auszug aus dem Leitbild der Stiftung Kartause Ittingen

Eine bewegte Geschichte

Die Augustiner Chorherren liessen sich 1150 auf der Holzburg bei Ittingen nieder. Armut, Keuschheit und Gehorsam war ihr Gelübde. Rund 300 Jahre später wurde Frauenfeld dem Kaiser Friedrich III. aus dem Hause Habsburg und späterer Kaiser des Heiligen Römischen Reiches direkt unterstellt. Er verkaufte das verarmte Ittingen 1461 an die Kartäuser, die das Kloster mit grossem Aufwand umbauten und es 1471 formell in den Ordensverband aufnahmen. 1524 wurde die Kartause im Ittingersturm überfallen, geplündert und niedergebrannt. Erst 1553 wurde die Anlage im Zuge der Gegenreformation wieder aufgebaut, zu wirtschaftlicher Blüte und Wohlstand gebracht.

Mit der Gründung des Kantons Thurgau im Jahre 1798 wurde das Klostervermögen beschlagnahmt und der Wirtschaftsbetrieb von staatlichen Verwaltern geführt. 1848 erfolgte die endgültige Auflösung des Klosters – die Mönche mussten Ittingen nach sieben Jahrhunderten verlassen.

Mitte des 19. Jhd. erfolgte die Privatisierung des staatlichen Gutsbetriebes. Der St. Galler Bankier und Kaufmann Edmund Fehr erwarb 1867 alle ehemaligen Klostergebäude mitsamt 100 ha Wald, Reb- und Ackerland. Über mehrere Generationen führte die Familie die Kartause Ittingen als landwirtschaftlichen Musterbetrieb. 1977 erfolgte der Verkauf an die Stiftung Kartause Ittingen, infolge dessen während 14 Jahren für 49 Millionen Franken umfassende Restaurierungsarbeiten erfolgten.

«Erhalten und Beleben»

Wer glaubt, die Kartause Ittingen sei nun ein langweiliges Freiluft-Museum, der irrt. Im Gegenteil! Kluge Köpfe haben Weitsicht bewiesen und die Kartause fortschrittlich positioniert. Sie kann als Vorzeigeobjekt bezeichnet werden, das viele Themen in sich vereint, die zurzeit die Diskussionen um Landschaft, Klimawandel und Regionalität beherrschen. Die Kartause besinnt sich auf ihre Geschichte und ihre klösterlichen Werte wie Kultur, Spiritualität, Bildung, Fürsorge, Gastfreundschaft und Selbstversorgung. Sie lebt wie einst und doch ganz zeitgemäss, von und mit ihrer Landschaft. Das Leitbild der Stiftung spricht Bände: «Das Erhalten gewinnt durch das Beleben Sinn und das Beleben findet im Erhalten Begrenzung».

Selbstversorgung und Gastfreundschaft

Für die Mönche war Selbstversorgung eine Selbstverständlichkeit. Heute ermöglicht der Gutsbetrieb eine nachhaltige und umweltschonende Produktion der Rohstoffe direkt vor Ort. So können die Gäste im Klosterladen oder im Restaurant der einstigen Mühle, umgeben von üppigen Gärten, mit 100 verschiedenen Köstlichkeiten aus eigenem Brot, Fisch, Fleisch, Käse, Wein und eigener Milch verwöhnt werden. In den als Mönchsklausen einfach aber modern eingerichteten Hotelzimmern lassen sich die Stille und der Atem der Natur auf ungewohnte Art erleben. Für Tagungen und Seminare ist die Kartause als Ort der Einkehr mit ihrer grünen und inspirierenden Umgebung geradezu prädestiniert.

Kultur, Spiritualität und Fürsorge

Im Herzen der ehemaligen Klosteranlage laden zwei Museen ein, in neue Welten einzutauchen. Das Ittinger Museum führt die Besuchenden in die Geschichte des Ortes und des Kartäuserordens ein. Das Thurgauer Museum zeigt sowohl ausgesuchte Werke von Aussenseiterkünstler als auch Arbeiten international bekannter Persönlichkeiten. An den beliebten Ittinger Pfingst- und Sonntagskonzerten darf die Seele zwischen Musik und Gärten hin und her baumeln.

Ebenso einmalig sind das betreute Arbeiten und Wohnen für physisch und geistig Beeinträchtigte. Die Kartause bietet mit ihren grünen Freiräumen und der engmaschigen Vernetzung mit der Aussenwelt täglich unkomplizierte Kontaktmöglichkeiten mit Menschen und Tieren. Das «tecum», Zentrum für Spiritualität der Evangelischen Landeskirche, leistet einen wichtigen Beitrag in der Erwachsenenbildung.

Sind es die Gärten, die in die Landschaft zerfliessen oder die Landschaft die die Gärten durchdringt?

Der Autor

Ein einzig grosser Garten

Wer zur Kartause gelangt, erkennt nicht, wo die Landschaft endet und die Gärten beginnen, ob die Gärten in die Landschaft zerfliessen oder die Landschaft die Gärten durchdringt. Es erscheint wie ein Aquarell: Ist es die verlaufende Farbe, die das Bild malt oder die Hand des Malers, die das Werk erschafft? Ausserhalb der Klostermauern verwöhnen eindrückliche Hopfengärten das Auge und betören den Geist mit ihrem unverwechselbaren Duft. Weinfelder kleiden die sonnigen Hänge in eine weiche Geometrie. Geschichtsträchtige Solitärbäume geleiten durch die mächtigen Pforten und begleiten die Gäste über verschlungene Wege und weite Sichtachsen durch die einstige Klosteranlage. Sie scheinen einem an jeder Ecke über Anekdoten ihrer bewegten Zeiten berichten zu wollen. Und sie erzählen, dass es in der Kartause Ittingen nie autokratische Herrscherpersönlichkeiten gab, die mittels der Architektur und der überformten Natur ihrer Macht Ausdruck geben wollten. Visionäre Plandarstellungen seien inexistent, alles sei natürlich gewachsen. Die Nutzung und Gestaltung der Gärten dienten in erster Linie dem Anbau von Nahrungsmitteln. Doch auch die Mönche hatten einen Hang fürs Schöne und den Genuss, wie der Barock- und der Priorgarten beweisen. Es vermengt sich aber auch Neues mit alten Elementen. So verzaubert die grösste historische Rosensammlung der Schweiz die Anlage im Frühsommer mit über 250 Sorten in ein wahres Blütenmeer. Als spirituelles Gartenelement ermuntert das begehbare Thymianlabyrinth dazu, den Weg zu(r) (seiner) Mitte zu finden, inne zu halten, still zu werden und zu meditieren. Auch der Samensortengarten von Hortiplus unterstreicht die Idee der Stiftung Kartause Ittingen. Hier wird Saatgut von wertvollen, traditionellen Kulturpflanzen geerntet und wieder gesät um die Biodiversität zu «erhalten» und die Vermehrung dieser bewährten Gartenpflanzen zu «beleben».