Menarvis Landschaftsarchitektur Basel
Unsere Grünräume

Kreislaufwirtschaft für die grüne Branche

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Besser, schneller, mehr! Führt uns unser Fortschritt in eine katastrophale Zukunft? Wie könnte ein radikaler Wandel unserer Lebensweise und unserer Wirtschaft, zum Schutz unseres begrenzten Planeten aussehen? Der diesjährige Rapperswiler Tag umkreiste an der OST überraschende Ideen für nachhaltigere Bau- und Planungsprozesse.

Besser, schneller, mehr! Führt uns unser Fortschritt in eine katastrophale Zukunft? Wie könnte ein radikaler Wandel unserer Lebensweise und unserer Wirtschaft, zum Schutz unseres begrenzten Planeten aussehen? Der diesjährige Rapperswiler Tag umkreiste an der OST überraschende Ideen für nachhaltigere Bau- und Planungsprozesse.

Die Tagung stand unter einem besonderen Stern. Es war der erste Rappitag seit fast 30 Jahren ohne Peter Wullschleger als Geschäftsführer des BSLA. Mit anhaltendem Applaus wurde er vom Publikum geehrt und Patrick Schoeck als Nachfolger begrüsst. Sinnbildlich für die Wende in der Personalie stand das Thema der Veranstaltung «Kreislauf in die Zukunft». Die Referenten zeigten auf, wie wir von der Vergangenheit lernen können, wie unser Lebensraum dank Umnutzung, Reparatur und Wiederverwendung von Materialien ressourcenschonend (um-)gebaut werden kann und was Kreislaufwirtschaft für unser Berufsstand bedeutet.

Eine dringliche Lage

Medienwirksam hatte sich damals der Aussenminister des Inselstaates Tuvalu (Ozeanien) mit seinem Appell an die UN-Weltklimakonferenz 2021 gewandt. Bis zu den Oberschenkeln im Meer stehend, hielt er seine Rede und verdeutlichte somit auch bildlich, dass wir tief im Klima-Schlamassel stecken. An der Dringlichkeit der Lage bestehe kein Zweifel, meinte auch Dr. Annette Kehnel, Professorin an der Universität in Mannheim. Seit zwei Generationen sei die Wissenschaft der Ansicht, dass angesichts der herrschenden physischen Lasten auf unserem Erdball stark zu vermuten ist, dass das exponentielle Wachstum kein weiteres Jahrhundert mehr anhalten könne. «Warum haben wir denn bis jetzt, kaum etwas unternommen?», fragte sie und gab die Antwort gleich selbst. Der Wesenszug des Menschen am Ist-Zustand festzuhalten, sei auf unsere reflexartigen Verlustängste zurückzuführen. Der Mythos der Alternativlosigkeit zu Wachstum um Wohlstand zu sichern, sei tief in uns verankert. Dieser Status-Quo-Bias (Bias = Verzerrung) verleite uns dazu, Veränderungen zu meiden, auch wenn diese rational betrachtet, Vorteile brächten. Sie empfahl, die Perspektive zu wechseln und zugunsten der (besseren) Zukunft die kurzsichtige Betrachtung der Gegenwart zu verlassen.

«Probleme kann man niemals mit der gleichen Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.»

Albert Einstein zitiert von Annette Kehnel, 22.03.2024

Zukunftsideen aus der Vergangenheit

Wegwerfgesellschaften seien historisch betrachtet ein Ausnahmephänomen, wusste Kehnel. Unter Recycling assoziieren wir unbewusst bloss eine zweitbeste oder eine Not-lösung. Auch in den Wörterbüchern fehle ab den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts beim Begriff «Abfall» der Hinweis auf Wiederverwertung. Durch die Flutung der globalen Märkte mit billigem Öl beginne die Zeit der ungehemmten Abfallproduktion und der radikalen Entsorgungswut. Denn die Wirtschaft sei so gepolt, dass die grössten Margen und Gewinne mit Wegwerfprodukten erzielt würden – erzeugt aus günstig geförderten Rohstoffen.

Die Historikerin zeigte auf, wie unsere Vorfahren nachhaltiger handelten. Kreislaufwirtschaft war damals der Goldstandart. Die Wiederverwertung geschichtsbehafteter Materialien wertete die Gegenwart auf. So sind die meisten Säulen der Mezquita-Catedral de Córdoba Recycling Ware, denn sie stammen aus Gebäuden aus der Römerzeit. Aus antiken Statuen fertigte man im Mittelalter Heiligen Figuren, Michelangelo schuf David aus Ausschussware des Carrara Steinbruchs und die gekritzelten Mühlespiele an der Seitenlehne des Karlsthrones im Aachener Dom lassen auf die Herkunft aus einem römischen Spielsalon schliessen. Die Kunst der Weiterverwertung und die Wiederentdeckung ressourcenschonender Konsummuster und Verhaltensweisen könnte zur entscheidenden Überlebensstrategie werden, denn der Homo sapiens sei immer schon ein Transformationskünstler gewesen.

Schafft Gärten!

Er war ein kämpferischer Geist und missionarisch unterwegs. Der Landschafts-architekt Leberecht Migge (1881-1935) wuchs in einer Zeit auf, die einerseits durch den industriellen Fortschritt als «Belle Époque» glorifiziert, auf der anderen Seite durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges als «Fin du Siècle» verteufelt wurde (s. auch Heft 2/2018). «Was können wir von ihm lernen?», fragte Gabi Lerch, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der OST. Mit der Publikation seiner Schriften «Jedermann Selbstversorger» und «Der soziale Garten – das grüne Manifest» konzentrierte er sich auf seine Vision, den Menschen wieder enger in das Walten der grossen Natur einzubeziehen. Er wollte jeder auch noch so bodenfremden Familie ermöglichen, einen eigenen Garten zu besitzen, um darin ihre gesamte Grünnahrung und auch Tierprodukte selber zu erzeugen. Mit der Selbstversorger-Siedlung Ziebigk in Dessau plante er von 1926-1928 standardisierte und effizient gestaltete Gärten für jedermann, wobei er sich auch mit dem Kreislauf der Stoffe im Siedlungsgarten beschäftigte.

Gesinnungswandel und neue Ästhetik

Weniger, langsamer, spielerischer! Denn wir brauchen mehr als es der Erde gut tut. Das zeigt uns der ökologische Fussabdruck der Nationen deutlich auf. Felix Naef, Inhaber und Geschäftsleiter von naef landschaftsarchitekten aus Brugg plädierte für eine neue Ästhetik. Wir sollten die innere Schönheit schätzen lernen. Das Wissen darüber, dass eine Baute aus verschiedensten Fenstern und Heizköpern oder mit unterschiedlichen Belägen entstanden ist, weil die Materialien aus unterschiedlichen Orten zwecks Wiederverwerten zusammen-getragen wurden, habe seinen ganz eigenen Charme.

Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft entstehe durch einen Gesinnungswandel. Sie sei mehr als «Rezyklieren» und «Wiederverwerten» (recycle and reuse). Sie beinhalte auch «Verzichten» und «Reduzieren» (refuse and reduce). Ganz konkret heisst das für Naef bspw. weniger Hartbeläge, weniger Randabschlüsse einzubauen und den Perfektionismus etwas beiseitelegen. Denn alles, was wir bauen, braucht Energie.

Alternative Materialien, auch im Gartenbau

Man stelle sich vor: 1 Tonne Beton zu produzieren verbrauche 100 kg CO2. Um diese Menge abzubauen, benötige ein Baum 10 Jahre. Die Energiebilanz von Kies zu Asphalt liege bei 1:40. Jene von Natursteinimporten von Tessin : Italien : China liege bei 1:4:8. Deshalb legte Naef seinem Publikum nahe, in den Leistungsbeschrieben neue, CO2 arme Materialien auszuschreiben. Zirkulit-Beton mit einem Gewicht von 2‘350 kg/m3 bestehe aus 1‘500 kg Sekundärrohstoffen mit 10 kg eingespeichertem CO2. Der Ressourcen-verbrauch und CO2-Fussabdruck des üblichen Primärbetons ist wesentlich höher. Carbonbeton ist 4x stärker und elastischer als konventioneller Beton, dies bei 4x weniger Material- und Energieverbrauch. Dazu ist er langlebiger, da er kein rostendes Armierungseisen enthält. Der «Grüne Asphalt» gilt als CO2 negativer Asphalt, da er dank der enthaltenen Pflanzenkohle mehr CO2 bindet als er verursacht. Auch green steel oder bluemint steel sind ökologischere Alternativen. Michael Oser, Inhaber von bryum aus Basel betonte dass die Wettbewerbswelt noch nicht bereit sei für Wiederverwertung (reuse). Zu oft bevorzuge die Jury den Neubau statt den Bestand weiter zu entwickeln.

Altbäume erhalten

«Der Wert von Bäumen sinkt signifikant, sobald bauliche Einschränkungen drohten», bedauerte Antje Lichtenauer von Baumbüro Zürich. Ein einziger 10 jähriger Ersatzbaum zu setzen für einen 150 jährigen Altbaum gehe nicht an. Man wisse schliesslich nicht, ob dieser annährend ein ähnliches Alter und eine ähnliche Ökoleistung erreichen werde! Sie empfahl dringend, Altbäume wenn möglich zu erhalten. Weil Bäume sensible Wesen sind, sollte auch auf kleine Baumassnahmen wie einem Sitzplatz im Kronenbereich verzichtet werden. In den obersten 30 cm befänden sich die wichtigsten Feinwurzeln.

Bei Ersatz- oder Neuanpflanzungen sei nur die beste Baumschulware gut genug. Ein hoher Feinwurzelanteil in einem kompakten Ballen und eine dem Stammumfang entsprechenden Grösse seien wichtige Qualitätsmerkmale. Mit «Krücken» gäbe es wenig Chancen auf alte Bäume! (s. auch Heft 5/2024). Sie riet, für Bäume möglichst grosse Baumscheiben mit einer dichten Unterbepflanzung zu planen und in Clustern zu setzen. Fremdländische Bäume dürften wir nicht verdammen, diese hätten mehr Chancen im urbanen Raum als einheimische Waldbäume und würden mit der Zeit von der Tierwelt akzeptiert. Wir sollten nicht so viel Energie für ihre Bekämpfung investieren.