Anhaltende Hitze, Besorgnis erregende Trockenheit und Wochen später verhängnisvolle Starkregenereignisse füllen die Schlagzeilen der Medien seit Jahren. An der Fachtagung «Regenwasser und Abwasser im Klimawandel» loteten Referenten den Handlungsspielraum dezentraler Regenwasserbewirtschaftung aus und boten Einblicke, wie Gebäude und baunahe Infrastrukturen besser geschützt werden könnten.
Die Kadenz extremer Wetterereignisse nimmt Jahr für Jahr zu. Entweder herrscht Sintflut und zu viel Wasser ist vorhanden oder langanhaltende Hitzewellen haben erbarmungslos den letzten Wassertropfen getilgt. Der Umgang mit Wasser muss von Grund auf neu gedacht werden. Die schnelle Entleerung von Siedlungen innerhalb weniger Stunden nach Regenereignissen, wie es das Regelwerk bislang vorsah, ist für den Klimawandel nicht mehr geeignet. Die neuen Ziele eines klimaangepassten Umgangs mit Regenwasser liegen deshalb auf der Hand: Eine wassersensible Stadtentwicklung soll die Risiken zunehmender Starkregenereignisse reduzieren und gleichzeitig der übermässigen Entwässerung der Stadtlandschaft entgegenwirken. Dazu sind neue und zusätzliche Speicherräume notwendig. Darauf richtet sich das «Schwammstadt»-Konzept mit seiner dezentralen Regenwasserbewirt-schaftung aus.
«Schwammstadt», für jeden dasselbe?
Nicht jeder verbinde unter dem Begriff «Schwammstadt» dasselbe. Silvia Oppliger, Vertreterin des Verbandes Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA) zeigte auf, wie die Sichtweisen je nach beruflicher Ausrichtung abweichen. Verstünden die Versicherungen unter «Schwammstadt» ein Konzept zur Vermeidung oder Verringerung von Schäden bei Starkregen, wittere der Naturschutz die Opportunität zur Förderung von Biodiversität und die Verkehrsplaner freuten sich über ein neues Werkzeug zur Verkehrsberuhigung. Für die Stadtgärtnereien bedeute das Konzept der «Schwammstadt», die Möglichkeit die künstliche Bewässerung des Stadtgrüns zu reduzieren. Das Sozialamt finde Gefallen daran, dass sich in der «Schwammstadt» die Hitze aufgrund der geförderten Verdunstung vermindert und für das Tiefbauamt heisse «Schwammstadt» primär die Entlastung der Kanalisation und die Verringerung eines weiteren Ausbaus.
Die mangelnde Interdisziplinarität sei jedoch ein Grund dafür, dass dieses Stadtkonzept noch nicht die Regel sei, trotz vieler Vorteile. Denn niemand plane die Entwässerung von A-Z, weder die Gemeinden, noch die Investoren, noch die Fachplaner, meinte Oppliger. Voten aus dem Publikum zeigten auf, dass auch Flächennutzungskonflikte oder Ängste aus der Bevölkerung vor offenen Wasserflächen (Mücken, Gerüche, Sicherheit) mit verantwortlich für die langsame Entwicklung von Schwammstädten sind. Aber auch die Meinung in der Bevölkerung, dass trotz aller Trockenheit bis jetzt immer genügend Wasser zur Verfügung stand, spiele eine Rolle.
Für lebenswertere und resilientere Städte
Gemäss der Referentin gelte es, zwei Grundregeln zu beachten. Regenwasser solle erstens möglichst an der Oberfläche behalten und dezentral bewirtschaftet werden. Verdunstung sei der Versickerung vorzuziehen. Dabei seien Flächen möglichst zu entsiegeln, um durch die Verdunstung ein kühleres Mikroklima zu erzeugen.
Regenwasser wurde früher «entsorgt».
Silvia Oppliger, Vertreterin VSA
Den Vulkanplatz in Zürich nannte sie als gutes Beispiel, da der baumbestandene Mergelplatz durch eine Überhöhung der Randabschlüsse bis zu 3 cm überstaut werden kann, bevor das Wasser abfliesse. Da 80% der Regenereignisse unter 30 mm sind, flössen 80% des Wassers durch eine solche dezentrale Bewirtschaftung nicht in die Kanalisation ab. Auch den Veloparkplatz auf einer Rasenfläche beim Zofinger Schwimmbad rühmte sie als multifunktionale Fläche. Diese wurde neu in leichter Muldenform ausgebildet und dient auf diese Weise im Notfall auch als Speicher für 280 m3 Regenwasser.
Die zweite Grundregel besage, dass der Versagensfall immer mitgedacht werden müsse. Das heisst, Bauten seien zu schützen. Dabei erwähnte Oppliger beispielsweise Notüberläufe von Versickerungsmulden in den nahen Bach und riet, wo möglich, nicht bodeneben zu bauen. Auch Strassen könnten als kurzzeitige Notabflusswege konzipiert werden, wie das Beispiel aus Kopenhagen und Sion aufzeigten.
Schutz vor Starkregen und Oberflächenabfluss
Rund 265 Mio. Franken beträgt die durchschnittliche und jährliche Schadenlast an Gebäuden in den 19 Kantonen mit kantonaler Gebäudeversicherung. Dabei entfallen 38% auf Überflutungen und 41% auf Hagel. 66% der Gebäude in der Schweiz sind vor Starkregen gefährdet. Martin Jordi, Geschäftsführer der Präventionsstiftung der Kantonalen Gebäude-versicherungen ortet Handlungsbedarf beim Gebäudeschutz vor Naturgefahren. «Es braucht widerstandsfähigere Gebäude, denn jeder zweite Überschwemmungsschaden ist durch Starkregen/Oberflächenabfluss verursacht, ohne Einfluss eines Gewässers in der Nähe», weiss Jordi. Bei heftigen Niederschlägen könne sich Wasser an Gebäuden aufstauen. Besonders gefährlich werde es, wenn das Wasser in tief gelegene Geschosse oder über Fluchtwege eindringt. Eindrücklich war das Video unter https://www.schutz-vor-naturgefahren.ch/bauherr/service/videoportal.html. Es zeigt wie angestautes Wasser eine Türe «aufbricht» und innert Sekunden den Flur meterhoch überschwemmt. Gebäudeschutz heisse auch Personenschutz resp. Personengefährdung sei bei Oberflächenabfluss ebenso relevant wie bei Hochwasser. Da bereits wenige Zentimeter Wasser an kritischen Stellen grosse Schäden verursachen könnten, müsse naturgefahrensicher gebaut werden. Die neue Norm 261 und 261/1 geben wichtige Hinweise für eine frühzeitige Planung. EG, Öffnungen, Tiefgarageneinfahrten, Wärmepumpen und gar Lichtschächte und Swimming-Pools sollten erhöht gebaut werden. Die Umgebungs- resp. Geländegestaltung übernehme eine zentrale Funktion bei der Steuerung des Wasserabflusses oder -rückhaltes. Wasser soll vom Gebäude ferngehalten werden. Mit Klappschotten, Schwellen und leichten Überhöhungen könne mit wenig Aufwand viel bewirkt werden. Eine zentrale Informationsplattform mit vielen Informationen und Tools zum naturgefahrensicheren planen, bauen und betreiben ist unter https://www.schutz-vor-naturgefahren.ch/architekt.html zu finden. Wichtig sei, gemeinsam zu planen, denn an einem sicheren Gebäude mit seinen Kleinbauten hätten alle ein Interesse.