Schon vor zwölf Jahren entstand in Witterswil die Arbeitsgruppe „alter Friedhof“, bestehend aus Mitgliedern der Einwohner- und der Kirchgemeinde. Dank einer neu entstandenen Ruhestätte an der Peripherie der Gemeinde, wollte man den alten Friedhof im Dorfzentrum anders nutzen. Da die Gräber erst nach 25 Jahren aufgelöst werden dürfen, erfolgte die Umnutzung in Etappen. Zwischen den beiden Bauetappen sollten mehr als zehn Jahre vergehen. Dass viele am Projekt beteiligte Personen, sich nach so langer Zeit in derselben Konstellation wieder-fanden, verlieh dem Vorhaben eine spezielle Note.
Der Wettbewerb
Witterswil schrieb im Jahr 1999 einen Gestaltungswettbewerb aus. Die Firma Jos. Schneider AG Garten- und Landschaftsbau aus Allschwil ging eine Planergemein-schaft mit dem Landschaftsarchitekturbüro Fahrni und Breitenfeld AG aus Basel ein.
Fahrni und Breitenfeld erarbeitete das Projekt ROTA, mit einer in der Konzeption überzeugenden Idee: Der Kirchhof soll künftig nicht mehr Friedhof, sondern umfriedeter Garten sein. Seine jahrelange Bedeutung soll auch nach Aufhebung der letzten Gräber spürbar bleiben. Die vier Elemente Wasser, Feuer, Luft und Erde stehen für Leben und Tod, Anfang und Ende. Sie sollen auf dem umgestalteten Friedhof zusammen mit dem bestehenden Kreuz eine neue Begegnungsstätte bilden. In unmittelbarer Nähe des Haupteinganges soll nach den Vorstellungen der Landschaftsarchitekten ein vielseitig nutzbarer Platz entstehen, umfasst vom freigestellten Kreuz, von einem Eichen-hochstamm, von einer Rosenrabatte und im Osten begrenzt durch ein Wasserbecken.
Dahinter befinden sich gut einsehbar, die bis ins Jahr 2010 belegten Grabfelder, die in einer späteren Etappe zu einem Rasengeviert mit neun Buchskugeln werden sollen.
Das Projekt besticht mit seiner dichten Symbolik: Das Wasser des Beckens steht für den Ursprung alles Seienden und ist zugleich Symbol der Reinigung und Erneuerung. Seine Oberfläche spiegelt den Himmel und holt den Kosmos auf die Erde.
Das Rad – als Intarsie im Kopfsteinpflasterbelag eingebettet - ist nicht nur Bild für das ewige Werden und Vergehen, sondern auch der Sonne und des Feuers. Das Radkreuz stellt die Herrschaft Christi im Erdkreis dar. Das Rad ist auch Attribut der heiligen Katharina.
Die unsichtbare Luft wird nur in ihren Auswirkungen spürbar. So streicht der Wind über die Wasserfläche oder spielt im allein stehenden Laubbaum, der seinerseits für die immer wiederkehrende Erneuerung des Lebens steht.
Die Erde wird durch verschiedene Gestaltungselemente dargestellt. Der feste Platz auf dem wir stehen, der Einzelbaum, der Himmel und Erde verbindet, die Rosenrabatte und die an die Unsterblichkeit erinnernden Buchskugeln im neuen Rasengeviert.
Die Gestaltungsidee konnte die Jury für sich gewinnen. Auch lagen die budgetierten Kosten in einem vertretbaren Rahmen. Nach der Detailplanung, die nur wenige Monate in Anspruch nahm, durfte die Jos. Schneider AG die erste Bauetappe in Angriff nehmen.
Eine Dekade später
Im Frühling dieses Jahres wurde das Gartenbauunternehmen aus Allschwil zu einer Sitzung in Witterswil eingeladen. Auch die letzten Gräber hatten 25 Jahre überdauert. Es war an der Zeit, sich mit der zweiten und letzten Bauetappe auseinander zu setzen. Die Arbeitsgruppe – im Kern die alte geblieben, aber um drei neue Mitglieder ergänzt – hegte den Wunsch, die ursprüngliche Gestaltungsidee zu überdenken. Diesmal übernahm die Jos. Schneider AG selbst die Planung und arbeitete zwei Gestaltungsvarianten aus.
Die neue Gestaltungsvariante
Es wurden zwei neue Vorschläge für die Umnutzung des letzten Teils des alten Friedhofes erarbeitet, wobei nachfolgend nur auf die, von der Bauherrschaft gewählte Variante eingegangen werden soll. Die Arbeitsgruppe entschied sich, das Budget für die zweite Bauetappe von Anfang an offen zu kommunizieren. So liess sich gezielt planen und die üblichen Leerläufe und endlosen Sitzungen betreffend Kostenreduktionen und Optimierungen, die in der Bauwirtschaft nur allzu bekannt sind, vermeiden.
Die Zielsetzung, die freiwerdende Fläche einer neuen Verwendung zuzuführen und dennoch an die historische Vergangenheit zu verweisen, blieb auch nach über zehn Jahren die gleiche. In der Philosophie der Gestaltung blieb die Jos. Schneider AG dem Grundsatz von Fahrni und Breitenfeld Landschaftsarchitekten AG treu, indem sie der Symbolik von besonderen Zahlen, Pflanzen und Farben des Christentums ein hohes Gewicht beimass und sie in das Konzept einfliessen liess. Die relativ kleine Fläche von etwa 200 m2 erforderte eine Konzentration auf wenige aber prägnante Elemente, wollte man das Areal offen gestalten, um die Grosszügigkeit und die Einheit der Anlage zu wahren. Das ausgeprägte Raster der Gräber bildete das Gerüst für die Neugestaltung. So wurden zwei verschieden grosse, in sich geschlossene Grabfelder eingeplant. Durch ihre 15 Zentimeter hohe Vertiefung liegen sie in einer anderen, einer „ruhenden“ Ebene. Mit Hilfe von polygonalen Jurakalkplatten, einfach oder gestapelt, werden die ehemaligen Standorte der Gräber nachgezeichnet. Es sind deren zwölf, denn die Zahl zwölf ist eine der bedeutendsten Zahlen, förmlich ein Leitmotiv der Bibel. So besteht Israel aus zwölf Stämmen und die Gefolgschaft Jesu zählt zwölf Jünger. Zwölf setzt sich zusammen aus drei mal vier, wobei die Zahl drei für die Dreifaltigkeit und die Zahl vier für die Verkündigung in alle Welt steht. Die Bepflanzung der seitlichen Rabatten mit Rosen und Lavendel hat ebenfalls seine Bedeutung. Rosen drücken Anmut und Liebe über den Tod hinaus aus. Ihre rote Farbe symbolisiert in der katholischen Kirche Blut und Feuer. Lavendel ist die Pflanze der Erinnerung. Der niedere, rasenähnliche Bewuchs mit Thymus praecox ‚Albiflorus’ und Thymus serpyllum ‚Coccineus’ signalisieren dem Besucher, dass die Grabfelder vorsichtig begangen werden dürfen. Auch hier ist Thymian die Pflanze der Erinnerung. Die weisse Blütenfarbe von Thymus praecox ‚Albiflorus’ steht im Christentum für die Farbe des Lichts und der Reinheit.
Planerische und bauliche Spezialitäten
In der ersten Bauetappe im Jahre 2000 wurde, gemäss den konzeptionellen Vorstellungen der Landschaftsarchitekten Fahrni und Breitenfeld, als Symbol der Kraft und Langlebigkeit am westlichen Rand des Friedhofes eine Eiche gesetzt. Leider musste sie nach wenigen Jahren einer Serbischen Fichte weichen. Man befand, diese werfe kein Laub ab, sei pflegeleichter, unterhaltsärmer, werde nicht allzu gross und eigne sich als Weihnachtsbaum geradezu optimal. Als es für die zweite Bauetappe darum ging, den ursprünglichen Zustand mit einem Laubbaum mit kulturellem und symbolischem Hintergrund wieder-herzustellen, hatten die Arbeitsgruppe und die Planer grösste Mühe, ihre Ideen gegenüber den Anwohnern und dem Unterhaltspersonal durchzusetzen. Was in vielen europäischen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist, wenn Bäume in malerischen Städten Gebäude regelrecht umarmen und schmale Strassen von mächtigen Alleen gesäumt werden, scheint der Schweizer Seele im eigenen Land höchst suspekt zu sein. Zumindest ist ihr dem Wunsch nach Sauberkeit und Sicherheit grösste Bedeutung beizumessen. Schlussendlich konnten sich die Parteien auf einen Acer platanoides einigen. Mit seiner goldgelben Herbstfärbung, seiner Hitzeverträglichkeit und seiner Streusalzresistenz scheint er der richtige Baum am richtigen Ort zu sein.
Bei den Abgrabungen für die Rampe im südlichen Teil des Friedhofes entlang der Einfassungsmauer erwarteten wir, auf ein massives Fundament zu stossen. Umso grösser war die Überraschung, als wir – angesichts seiner Dimensionen – auf einen Mauersockel stiessen, der bloss aus einem Gemisch verschiedenster, mehrheitlich kleinformatiger Steinarten bestand, welche trocken aufeinander geschichtet wurden. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welchem handwerklichen Geschick und wenigen Hilfsmitteln frühere Generationen Jahrhunderte alte Bauwerke erschaffen haben. Um den Eingriff gering zu halten und möglichst viel Authentizität zu bewahren, entschieden wir uns, den Mauersockel in seiner Form zu bewahren. Eine klare farbliche Linie trennt die beiden Mauerteile. Der freigelegte Sockel wurde mit Hochdruck von Erdkrusten gereinigt und mit Versetzmörtel stabilisiert. Die unregelmässigen Linien und Wölbungen des Fundamentes wurden mit einem grauen Verputz aufgenommen und so dem eigenen Charakter der Mauer Rechnung getragen.
Leitelement des umgestalteten östlichen Teils des Friedhofes sind die, mit Natursteinen ‚nachgezeichneten’ Gräber. Jedes dieser Natursteingräber steht auf einem fünfzehn Zentimeter starken Magerbetonfundament. In langwieriger und exakter Handarbeit wurden formwilde Jurakalk-Krustenplatten behauen und aufeinander geschichtet. Auf diese Art entstanden nach zwei bis drei Wochen zwölf in der Höhe variierende Gräber. Um die Stabilität der Gräber auch dann zu gewährleisten, falls ein Besucher Platz nehmen möchte, wurden die Krustenplatten nicht trocken, sondern in Mörtel verlegt. Mit Acosim TRASS 300 fanden wir den geeigneten Versetz- und Fugenmörtel für saugende und weiche Natursteine auf Basis von 260 Kilogramm Trasszement pro Kubikmeter und naturreinem Quarzsand. Die Oberfläche der Gräber wurde leicht gewölbt, die Fugen gänzlich mit Mörtel gefüllt, damit das Wasser ablaufen kann, nicht in das Bauwerk eindringt und Frostschäden verursacht. Im Schichtaufbau an den Stirnflächen der Gräber blieben wir mit dem Mörteleinsatz zurück. So wirken die Gräber natürlicher und das Schattenspiel der Krustenplatten lockern die strenge Form der Gräber auf. Mit der Zeit soll auch der Bewuchs mit Thymian das seine dazu beitragen.
Am 27.11.2011 morgens nach dem Gottesdienst wird der neue „alte Friedhof“ mit einem kleinen Einweihungsfest in eine für ihn veränderte, vielleicht etwas weniger bewegte Zukunft entlassen.